Adele Spitzeder und das süße Gift des Geldes

Interview mit Romanautorin Bhavya Heubisch

In Bhavya Heubischs Roman Das süße Gift des Geldes geht es um Adele Spitzeder, eine Schauspielerin und Bankrotteurin, und um einen er größten Finanzskandale in der Geschichte Bayerns.

Finanzskandal im 19. Jahrhundert

Das süße Gift des Geldes - ein Roman über Adele Spitzeders Finanzskandal

Völlig abgebrannt und auf der Flucht vor ihren Berliner Gläubigern kehrt die erfolglose Schauspielerin Adele Spitzeder 1868 nach München zurück. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, leiht sie sich Geld. Dabei bietet sie ihren Gläubigern eine hoch rentable Geldanlage an: Sie zahlt einen Zinssatz, der weit über dem marktüblichen Satz liegt. Allerdings begleicht sie die anstehenden Rückzahlungen aus neu zufließenden Geldern. Innerhalb weniger Jahre wird Adele Spitzeder zu einer der reichsten Frauen Bayerns – und macht sich dabei die etablierten Geldinstitute ebenso wie die Behörden zu erbitterten Feinden.

Interview mit der Autorin

Bhavya Heubisch, Autorin des Romans "Das süße Gift des Geldes" über Adele Spitzeder

Bhavya Heubisch, Romanautorin, Übersetzerin und Dolmetscherin, ist in München geboren und interessiert sich für außergewöhnliche Menschen, die in München gelebt haben. Über Adele Spitzeder, die im 19. Jahrhundert einen der größten Finanzskandale Bayerns auslöste, hat sie einen historischen Roman geschrieben.

Bhavya, was hat dich an Adele Spitzeder fasziniert?

Dass sie eine Frau mit vielen Facetten war. Die wegen ihrer zahlreichen Spenden vielen Menschen als „Engel der Armen“ galt, anderen bis heute als raffinierte Betrügerin. Doch Betrug im juristischen Sinne konnte ihr nie nachgewiesen werden. Sie wurde wegen betrügerischen Bankrotts, sprich wegen massiver Überschuldung verurteilt.

Adele Spitzeder erfindet das Ponzi-System

Ich habe gelesen, dass Spitzeder das weltweit erste dokumentierte Ponzi-System entwickelt hat, ein Betrugssystem, das nach dem erst 50 Jahre später geborenen Charles Ponzi benannt wurde. Wie sahen Spitzeders Finanzgeschäfte aus?

Adele Spitzeder kam völlig pleite, vom Gerichtsvollzieher verfolgt, in München an. Gegen ihre finanzielle Not hatte sie eine scheinbar geniale Idee: Sie lieh sich Geld und versprach für dessen Rückzahlung wesentlich höhere Zinsen als die etablierten Geldinstitute. Ausstehende Forderungen beglich sie mit neu zufließenden Geldern. Anfangs führte sie ihre Geschäfte im Hinterzimmer einer Gastwirtschaft, später in ihrer sogenannten Dachauer Bank in der Schönfeldstraße Münchens.

Die Dachauer Bank und der Finanzskandal

Woher stammt der Name Dachauer Bank?

Viele Arbeiter und Tagelöhner aus Dachau, die in München arbeiteten, haben ihr weniges Geld bei ihr angelegt. So hat sich der Name etabliert.

Hatte ihre Idee Erfolg?

Ihre Idee, überhöhte Zinsen auszuschütten, hatte einen so durchschlagenden Erfolg, dass ihr tausende von Anlegern aus allen Gesellschaftsschichten zuströmten. Vom Tagelöhner, einfachen Bediensteten bis hin zu höhergestellten Persönlichkeiten.

Adele Spitzeder, die Wohltäterin …

Woher rührt die Beliebtheit, die Spitzeder in großen Teilen der Bevölkerung genoss?

Ihre Beliebtheit kam sicher daher, dass sie zahlreiche wohltätige Werke ins Leben rief. So spendete sie u.a. reichlich für die Armen, kleidete Schulkinder ein und eröffnete ihre Suppenküche am Platzl, in der Bedürftige gut und billig essen konnten.

Um das Phänomen Adele Spitzeder besser zu verstehen, habe ich mich mit den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Münchens sogenannter Gründerzeit auseinandergesetzt. In München brach die Industrialisierung an, unzählige Menschen strömten auf der Hoffnung nach einem besseren Auskommen in die Stadt. Doch viele sahen sich bald enttäuscht. Sie mussten als Arbeiter oder Tagelöhner für wenig Geld in Fabriken schuften, fanden keine Unterkunft und mussten zu überhöhten Preisen in jämmerlichen Kammern im „Schichtbetrieb“ schlafen. Wenn sich ein Arbeiter zur Frühschicht aufmachte, nahm ein Arbeiter der Spätschicht dessen Platz im Bett ein. Hunger, Elend und Krankheit grassierten. Da war das Versprechen, auch für wenige Gulden oder Kreuzer Zinsen zu erhalten, sehr verlockend.

… unabhängig und skandalumwittert

Hatten die Leute keine Angst, betrogen zu werden?

Adele wird ein charismatisches Auftreten und große Überzeugungskraft nachgesagt. Und als es sich wie ein Lauffeuer herumsprach, dass bei der Spitzederin gutes Geld zu verdienen ist, wollten viele etwas vom Geldsegen abhaben.

Hatte Spitzeder keine Feinde?

Feinde hatte sie viele. Zum einen die etablierten Geldinstitute, denen die Anleger wegliefen, weil diese ihr Geld lieber bei der Spitzeder anlegten. Zum anderen die Behörden, denen das Treiben in der Schönfeldstraße ein Dorn im Auge war. Denn es war abzusehen, dass Adeles Bank zusammenbrechen würde, wenn mehr Anleger ihr Geld zurückwollten als einzahlten.
Vielen Bürgern missfiel auch Adeles aufwändiger Lebensstil. Sie war eine unabhängige Frau, scherte sich z.B. nicht um das Verbot, auf der Straße zu rauchen, fuhr in luxuriösen, vierspännigen Kutsche umher, schmiss manchmal mit Geld nur so um sich. So machte sie sich viele Neider.

Fiktion und Realität

Wieviel Fiktion steckt in deinem Roman?

Meine Beschreibungen der geschichtlichen Hintergründe und der sozialen Missstände sind belegt. Dies gilt z.B. für die Schufterei der Mörtlweiber, also der Gelegenheitsarbeiterinnen auf Baustellen, und das Hausen in armseligen Herbergswohnungen. Um dies darzustellen, habe ich Romanfiguren entwickelt, die an diesen Orten lebten und unter unwürdigen Arbeitsbedingungen ihren kargen Lebensunterhalt erwirtschaften mussten. Auch Adeles Treiben in der Dachauer Bank habe ich unter die Lupe genommen.

Wie hast du recherchiert?

Ich habe in der Münchner Staatsbibliothek, der Monacensia, dem Stadtarchiv und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv recherchiert, zeitgenössische Zeitungen und Adeles Memoiren gelesen.

Wie ist es dir gelungen, die Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen?

Ich wollte den bairischen Sprachduktus wiedergeben, ohne im Dialekt zu schreiben.

Wie meinst du das?

Der Sprachduktus, die Art, sich auszudrücken, hat im Bairischen viele Eigenheiten. So gibt es z.B. keinen Genitiv. Statt „Omas Geld“ heißt es: „das Geld von der Oma, das Haus vom Vater.“ Auch die doppelte Verneinung ist gebräuchlich, wie z.B. „Ich hab kein Geld nicht.“ Und statt im Dialekt zu schreiben, habe ich typisch bairische Dialektausdrücke in den Text einfließen lassen, wie z.B. das Flitscherl (Schlampe, schlampige Frau), der Dotschn (unbeholfene, dümmliche Person).

Hätte Adele Spitzeder auch heute Erfolg gehabt?

Siehst du in Adele Spitzeders Aufstieg zu einer der reichsten Frauen Bayerns Parallelen zu Finanzskandalen in der Jetztzeit?

Durchaus. Denn auch heute noch lassen sich Anleger mit der Hoffnung auf schnellen Gewinn und hohe Renditen auf dubiose Bankgeschäfte ein.

Danke, Bhavya, für dieses interessante Interview.

Das süße Gift des Geldes - ein Roman über Adele Spitzeder

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1 Anmerkung zu “Adele Spitzeder und das süße Gift des Geldes

  1. Bhavya

    Liebe Charlotte,
    das Interview mit deinen kleinen Änderungen finde ich sehr gut. Du hast es einfach raus, einen Text ansprechend zu gestalten.
    Danke, dass du mich interviewt hast, ich werde mich revanchieren.
    Liebe Grüße
    Bhavya

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